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Schicksal, Entschlossenheit und Ultradistanzen: Das ist die Geschichte von Edson Kumwamba

Als er neun Jahre alt war, sagte Edson Kumwamba's Mutter ihm voraus, dass er eines Tages an Wettkämpfen in Europa teilnehmen würde. Nach ihrem Tod begann er jedoch daran zu zweifeln, ob dies je wahr werden würde. Die Geschichte von Edson Kumwamba zeigt, wie ein einnehmendes Lächeln und ein unerschütterlicher Geist einen Schweisser aus Malawi bis zur Startlinie am Mont Blanc brachten.

 

Es ist ein warmer Sommernachmittag in Zürich. Wie immer nach einem Mittagslauf verteilt man sich vor dem On-Hauptquartier High-Fives. Von einem gewöhnlichen Mittagslauf kann allerdings nicht die Rede sein. Wir schnappen nach Luft, ehe wir die Energie aufbringen, uns gegenseitig zu gratulieren. Es war ein harter Run. Einige von uns sind völlig platt. Das passiert nicht oft – schliesslich war es ein Mittagslauf und kein Wettkampf. Doch heute wurden wir von einem besonderen Gast begleitet. Elite-Trailrunner Edson Kumwamba hat uns, nur wenige Tage nachdem er den Marathon du Mont Blanc gelaufen ist, in Zürich besucht. Edson ist nicht ausser Atem. Er schwitzt nicht einmal. 

 

Die Route führte uns auf den Zürcher Hausberg namens Uetliberg. Vom Büro bis zum Gipfel sind es 15 Kilometer und fast 500 Höhenmeter. Durchaus ein solider Mittagslauf, finden wir. Edsons Urteil? Er fand es nett, aber etwas flach. 

 

Für Edson sind solche Mini-Abenteuer keine Herausforderung. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, wie viel es ihn gekostet hat, um dahin zu kommen, wo er heute ist. Nicht nur als Ultraläufer, sondern während seines gesamten Lebens hatte er viele Höhen und Tiefen zu überwinden.

  

Edson als Teilnehmer des Marathon du Mont Blanc 2019

 

Auf der Jagd nach Coca-Cola

Edson ist in Nchatu, einem Dorf am Fusse des Mount Mulanje in Malawi, geboren und aufgewachsen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kontrahenten an der Startlinie des Mont Blanc Ultras war organisiertes Sporttraining nicht Teil seiner Kindheit. Was ihn fit hielt, war sein täglicher Schulweg, den er ab dem vierten Lebensalter täglich zurücklegen musste – 16 Kilometer hin und zurück. 

 

Obwohl er täglich fast eine Halbmarathon-Distanz zurücklegte, fand seine Mutter, dass er nicht aktiv genug sei. Das mag ironisch klingen – nur wenige Tage nachdem er einen 18. Platz bei einem der härtesten Ultramarathons der Welt geholt hat. 

 

Um seine Begeisterung für den Sport zu wecken, schlug Edsons Mutter vor, sich den Porters‘ Race auf den Mulanje anzusehen – ein 22 Kilometer langer Trail-Run, der damals ausschliesslich Gepäckträgern, die Touristengepäck auf den Mulanje hochschleppten, offen stand. An der Ziellinie sah Edson, dass die Finisher zur Belohnung eine Coca-Cola erhielten. Das wollte er auch.

 

„In Malawi eine Coca-Cola zu bekommen, war zur damaligen Zeit eine Seltenheit. Das hat meine Begeisterung geweckt und ich sagte mir, dass ich eines Tages auch am Start stehen will.“

 

Der Plan seiner Mutter ging auf. Als sie sah, dass Edsons Neugier geweckt war, versprach sie ihm, dass auch er den Lauf im folgenden Jahr bestreiten dürfe. Allerdings inoffiziell – denn Edson war weder Gepäckträger noch volljährig und damit in zweifacher Hinsicht nicht für das Rennen zugelassen.  

 

Seine Mutter hielt Wort. In einem Busch versteckt, wartete Edson ein Jahr später auf das Signal der Startpistole, um sich direkt danach unbemerkt unter die Teilnehmer mischen zu können. Er schaffte es, die Rennleitung zu umgehen, doch das Rennen wurde zur Herausforderung für den jungen Edson. Das Gelände war unerbittlich. Und Edson hatte keine Schuhe. Aufgeben war für ihn trotzdem keine Option. Als er sieben Stunden später – etwa vier Stunden nach dem Sieger – im Ziel eintraf, war die Preisverleihung längst beendet. Jegliche Chance auf eine Coca-Cola war vertan. Aber Edsons Mutter wartete.

 

„Sie sagte mir, dass ich nächstes Jahr einfach wieder mitmachen solle und eines Tages sicher Rennen in Europa laufen würde. Sie hatte mein Potenzial erkannt.“

 

Natürlich nahm Edson wieder Teil. Jahr für Jahr schlich er sich als Teenager ins Rennen - jetzt mehr durch die Herausforderung und die Prophezeiung seiner Mutter angetrieben als durch die Coca-Cola.

  

 

Trails und Kummer

Als Jugendlicher zog Edson zu seinem Onkel in das nördliche Kalunga. Dieser kam für das Schulgeld auf, welches seine Mutter nicht zu zahlen vermochte. Da es in dieser Gegend kein Rennen gab, an dem er teilnehmen konnte, begann er Fussball zu spielen. Mit 17 erhielt er eine schreckliche Nachricht aus seiner Heimat: Seine Mutter war gestorben. Edson wurde zum Waisenkind, hatte er doch auch seinen Vater schon früh verloren. Für die Beerdigung kam er zurück nach Hause. Einsam wie er sich fühlte, sehnte er sich nach Vertrautheit und wollte nicht mehr zurück nach Kalunga.

 

In Mulanje wurde ihm glücklicherweise von einem Hilfswerk für Waisenkinder geholfen. Es unterstützte ihn, seine Ausbildung weiterzuführen und einen Abschluss als Schweisser zu machen. Über einen Kontakt fand Edson schliesslich Arbeit in Südafrika. Er hatte den Plan, so viel Geld zu verdienen, dass er irgendwann seine eigene Werkstatt in Malawi würde eröffnen können.  

 

Die Ankunft in Südafrika verlief dann allerdings anders als geplant: Er bekam kein Visum für seine Arbeit als Schweisser. Um über die Runden zu kommen, nahm er einen Job als Gärtner an. Diese unerwartete Wende des Schicksals sollte seine Laufkarriere neu entfachen. 

 

Von harten Zeiten zu schnellen Zeiten

Als einer von Edsons Kunden bemerkte, dass er Laufschuhe trug, fragte er ihn, ob er Läufer sei. Er winkte ab und sagte: "Nein. Nicht mehr." Die Strassen in Südafrika waren für ihn zu belebt und zu gefährlich zum Laufen.

 

Der Kunde schlug ihm vor, zusammen einen Lauf in den Bergen zu machen. Das weckte Edsons Neugier. 

 

„Als er den Berg erwähnte, kam die Erinnerung an meine Mutter und den Mulanje zurück. Für mich war klar, dass ich da mitmachen wollte.“

 

Als Edsons neuer Lauf-Buddy sein Talent sah, bot er ihm an, ihn zum 22 km Lion's Head Challenge zu begleiten. Am Wettkampftag kamen sie viel zu spät und verpassten den Start. Alle waren bereits losgerannt. Trotzdem liessen die Organisatoren Edson noch starten. Das Feld hatte bereits einen Vorsprung von 15 Minuten. Dennoch erreichte Edson das Ziel als Sechster. Jetzt hatte Edson das Wettkampffieber endgültig gepackt und es dauerte nicht mehr lange, bis er sich in der südafrikanischen Trailrunning-Szene einen Namen machte. 

 

Nachdem es Edson bei einigen kürzeren Rennen aufs Treppchen geschafft hatte, beschloss er, die Distanz zu erhöhen und am Peninsula Ultra Fun Run (Puffer) 2015 teilzunehmen – ein 80 Kilometer langes Ultra-Trail-Rennen von der Spitze der Kap-Halbinsel bis nach Kapstadt. Das sorgte bei Edsons Trailrunning-Kollegen für einige Verwunderung. 

 

„Sie sagten, dass ich meinen Körper ruinieren würde und nie wieder laufen werde können. Doch ich entgegnete nur, dass ich bereits im Alter von 10 Jahren 24 Kilometer gelaufen sei und das schon irgendwie schaffen würde.“

 

Er hatte recht. Tatsächlich war es nicht sein Körper, sondern seine Navigationsfähigkeit, die ihm bei seinem Ultra-Debüt zum Verhängnis wurde. Weniger als 10 Kilometer vor dem Ziel, lag er auf dem zweiten Platz – und bog dann falsch ab. Das kostete ihn soviel Zeit, dass er schliesslich nur Vierter wurde.

 

Weil er sein Umfeld vermisste, zog es ihn später nach Malawi zurück. Dort begann er, ernsthafter zu trainieren. 2016 kehrte Edson für das Puffer-Rennen zurück nach Südafrika. Wieder war die Navigation und nicht die Ausdauer sein ärgster Feind: Nach einer dreitägigen Fahrt von Malawi nach Südafrika, verpasste Edson den Start des Rennens um 15 Minuten und wurde disqualifiziert. Während andere wütend geworden wären, akzeptierte Edson die missliche Lage. Ganz allgemein scheint es so, als hätte er die bemerkenswerte Fähigkeit, Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Wütend oder gestresst? Nicht bei Edson. Er scheint immer ruhig und relaxt zu sein. 

 

Damals trat ein lokaler Geschäftsmann an ihn heran. Er hatte mit Kumwamba Grosses vor: 2017 sollte er das Puffer-Rennen gewinnen. Er bot ihm einen Job bei einer Firma an, die Stossdämpfer herstellt. So sollte er sein Training finanzieren können. Edson nahm das Angebot an. Und tatsächlich gewann er im darauffolgenden Jahr das Puffer-Rennen. Nur fünf Tage später konnte er auch die 44 km Table Mountain Challenge für sich entscheiden. Edson war endlich angekommen.  

 

Im Zielgelände des Table Mountain Challenge kam die Holländerin Suzette von Broembsen auf Edson zu. Sie belegte bei den Damen den zweiten Rang und hatte nur wenige Tage zuvor ein Interview mit Kumwamba gelesen, in welchem er sagte, dass es sein grösster Traum sei, die Prophezeiung seiner Mutter zu erfüllen und ein Rennen in Europa zu laufen. Genau das wollte Suzette ihm ermöglichen.

 

Edson gibt Vollgas – auch an einem heissen Tag in den Alpen

 

Von Malawi zum Mont Blanc

Und tatsächlich: Mit der Hilfe von Suzette steht Edson 2018 an der Startlinie des 90 Kilometer langen Marathon du Mont Blanc. Es ist eines der prestigeträchtigsten Rennen der Welt. Auch wenn die staubigen Pfade des Mulanje wenig mit den verschneiten Gipfeln rund um den Mont Blanc zu tun haben, fühlte sich Edson im Europäischen Gebirge pudelwohl und erreichte bei seinem Debüt in Europa den bemerkenswerten 20. Rang.  

 

Anstatt nach Südafrika zurückzukehren, reiste Edson anschliessend direkt nach Malawi. Er hatte noch müde Beine vom Lauf in den Alpen, doch er war hochmotiviert am Porter’s Race teilzunehmen. 

 

„Ich wollte einfach nur wieder das Gefühl spüren, wie damals, als mich meine Mutter zum Mulanje brachte“, erklärt Edson. „Ich war das Rennen schon oft gelaufen, aber meine Mutter hatte mich nie mit einer Startnummer laufen sehen. Jetzt wollte ich zum ersten Mal offiziell starten.“

 

Fast 20 Jahre nachdem seine Mutter ihn zum ersten Mal ermutigt hatte, den Porter's Race zu bestreiten, lief ihn Edson nun erstmals als offizieller Teilnehmer. Er holte den 14. Rang, aber das Resultat war in diesem Fall nebensächlich. 

 

„Ich habe nicht am Wettkampf teilgenommen, um mich zu messen, sondern um den Geist meiner Mutter zu spüren. Ich wollte die Freude, welche sie hatte, als ich den Mulanje zum ersten Mal bezwang, nochmals erleben.“

 

„Wenn ich laufe, fühle ich immer diese Emotionen. Deshalb sieht man mich auf Bildern immer lächeln. Das Lächeln ist für meine Mutter. Und deshalb feiere ich, wenn ich ein Rennen beende, immer auch andere Finisher – genau wie sie mich feierte, als ich mit neun Jahren ins Ziel einlief und ausser ihr niemand mehr da war."

 

Spirituelle Fitness

Seither hat Edson mit seinen High Fives – inzwischen sein Markenzeichen – schon manchen Finisher im Zielgelände begrüsst. Und das nicht nur in Südafrika, sondern in der ganzen Welt.

 

Kumwamba kehrte zur Lion’s Head Challenge zurück – damals sein erstes offizielles Rennen – und gewann. Auch das Puffer-Rennen konnte er erneut für sich entscheiden und stellte gleich noch einen neuen Streckenrekord auf.

 

Ermutigt, sich neuen Herausforderungen zu stellen, zog Edson zurück nach Malawi, um dort seine Entwicklung als Läufer voranzutreiben. Um ein furchtloser Läufer zu werden, benötigte er eine Umgebung, in der er sich vor nichts zu fürchten braucht. 

 

„Das Leben in Südafrika hat mich sicher beeinflusst. Es ist dort nicht immer sicher, hinauszugehen und draussen zu laufen“, erklärte Edson.

 

„Einmal hielt man mir eine Waffe an den Kopf und klaute mir meine Sachen. Deshalb kehrte ich nach Malawi zurück. Da gibt es zwar nur wenig Geld, aber dafür führe ich ein friedliches Leben.“

 

„Ich brauchte diesen Frieden. Meine Stärke ist meine spirituelle Fitness. Die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wirken sich auf meinen Körper aus. Wenn du an Schwäche glaubst, wird dein Körper dieser Schwäche folgen. Wenn du hoch hinaus willst und ans Fallen denkst, wirst du fallen. Es geht um dein Herz und deinen Verstand."

 

„Das Wichtigste für mich ist Freude. Wenn immer ich an einem Rennen teilnehme, denke ich nicht an die Konkurrenz, sondern daran, wie glücklich ich während des Rennens sein werde.“

 

Neben seiner positiven Grundhaltung ist für Edson auch das einfache Leben, das er führt, ein Schlüssel für seinen Erfolg. Bevor die nassen Wintermonate kommen, pflanzt er auf seinem Bauernhof Getreide an und ist glücklich darüber, wenn die Ernte genügend Nahrung abwirft, um sich davon ein ganzes Jahr zu ernähren. Nach der morgendlichen Arbeit auf dem Hof, kann er seiner Leidenschaft nachgehen und seine Läufe auf den Mulanje-Trails absolvieren. Seine Trainingseinheiten misst er nicht an der Anzahl Kilometer, die er zurücklegt, sondern an der Zeit, die er draussen verbringt. Gut und gern kann das auch eine sechsstündige Session sein. 

 

Über die letzten Jahre hat Kumwamba nicht nur sein Training laufend optimiert, sondern sich auch ein Netzwerk in der Trail-Running-Szene aufgebaut. Dadurch warten immer wieder neue Herausforderungen auf ihn. 2018 etwa erhielt er eine Einladung zum viertägigen Al Marmoon Ultramarathon in Dubai. Dieser führt während entlang 270 Kilometer durch die Wüstendünen in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

 

Etwas Derartiges hatte Edson noch nie erlebt: „Jedes Mal, wenn du deinen Fuss aufsetzt, verschwindet der Boden einfach unter dir.“

 

Am letzten Tag hatte Edson durch den Sand in den Schuhen so viele Blasen an den Füssen, dass er kaum mehr gehen konnte, geschweige denn die letzten 50 Kilometer hätte laufen können. Doch er gab erst auf Bitten des Veranstalters auf und auch nur, weil dieser ihm versprach, dass er auch im kommenden Jahr wieder an den Start gehen könne. Es war das erste Mal, dass Edson ein Rennen nicht beendete. 

 

„Es war mein erstes Mal und es wird mein letztes Mal sein“, sagt er entschlossen. „Ich bin keiner, der aufgibt.“ 

 

Das warme Herz Malawis

Es ist dieses Denken, sein gewinnendes Lächeln und seine unbändige, positive Einstellung, die Edson zu einem so geschätzten Mitglied der Ultra Running Community gemacht haben. Es geht nicht anders: Man muss diesen Kerl einfach gern haben. Sein freundliches Wesen, sein Talent auf Langdistanzen und seine einzigartige Geschichte haben ihm dazu verholfen, dass er inzwischen Freunde auf der ganzen Welt hat. Dieses Netzwerk hat die finanziellen Mittel mobilisiert, die es ihm heute ermöglichen, an internationalen Rennen teilzunehmen und eine Startnummer zu bekommen.

 

Dank der Unterstützung von Marcus Smith, einem Freund von On und Gründer der Gesundheits- und Performance-Firma Inner Fight, konnte Edson an der Ultra X Marathon-Serie teilnehmen. Bei der Veranstaltung in Sri Lanka im April 2019 belegte er den zweiten Platz. Bald wird er seine erste Reise nach Amerika antreten und an Rennen der gleichen Serie in den Wüsten Jordaniens und Mexikos teilnehmen. 

 

Edsons Dankbarkeit dafür ist enorm und der Grund, weshalb ihn andere noch so gern unterstützen. Beim letztjährigen Marathon du Mont Blanc lobten ihn die Organisatoren als den „glücklichsten Finisher der gesamten Veranstaltung“. Auch nach 90 Kilometern durch anspruchsvollstes Terrain liess es sich Kumwamba nicht nehmen, auf seine Fans im Zielgelände einzugehen und ihnen für den Support zu danken.

 

„Die Fans waren so lange da draussen und warteten, um uns im Ziel Respekt zu zollen und uns zu zeigen, dass sie uns nicht für verrückt halten. Diesen Respekt gebe ich gern zurück, zeige meine Dankbarkeit und teile meine Erfahrung. Das ist etwas Spirituelles. Das ist die Trailrunning-Gemeinschaft. Sie ist wie meine Familie.“

    

Edson schliesst den Marathon du Mont Blanc 2019 mit seinem typischen Lächeln ab

 

Dass sich Edson durch seine aufreibenden Rennen lächelt, unterstreicht den Unterschied zwischen Elite-Ultra-Läufen und Elite-Strassenrennen. Während Edson einer der ganz wenigen afrikanischen Läufer ist, die an Bergrennen teilnehmen, werden Strassenrennen auf der ganzen Welt von Kenianern und Äthiopiern angeführt. Auf die Frage, warum er sich gegen die Strassenrennen und fürs Trail Running entschieden hat, verweist er auf den gemeinschaftlichen Charakter der Trail-Szene, der diese Disziplin so einzigartig macht.

 

„Beim Strassenlauf geht es immer nur um Zeit und Geschwindigkeit. Beim Trailrunning will man einfach die Ziellinie erreichen. Es gibt zwar Konkurrenz, aber man ist freundlich zueinander. Wir helfen uns gegenseitig.“

 

Siegen ist zwar schön, doch Edsons vorrangiges Ziel ist es, anderen zu helfen. Er hofft, dass seine Erfahrungen und seine Geschichte junge Menschen in seiner Heimat Malawi inspirieren. Sich den elitären Trailrunning-Gemeinschaften an Orten wie Chamonix oder Boulder in Colorado, USA, anzuschliessen, will er hingegen nicht.

 

„Ich bin glücklich, in Malawi zu leben. Ich möchte das Leben der Gemeinde in Malawi verändern. Wenn ich weit weg bin, kann ich die Kinder und Jugendlichen vor Ort nicht inspirieren. Dann würden sie zu mir sagen, dass ich all das nur tue, um ein Leben in einem wohlhabenderen Land zu führen."

 

Edsons Wunsch, Bewegung und gesunde Ernährung im Land zu fördern, wurde noch verstärkt, als er im Training auf Läufer der Orbis Challenge 2018 traf. 

 

Gegründet vom britischen Ehepaar Dom und Kate Webb, kombiniert der Wettbewerb technische Trailruns durch die abwechslungsreiche Landschaft Malawis mit der Möglichkeit zu verstehen, mit welchen Herausforderungen das Land und insbesondere die dortigen Kinder konfrontiert sind. 

 

Laut UNICEF sind 23% aller Fälle von Kindersterblichkeit in Malawi auf Unterernährung zurückzuführen, während 37% der Kinder unterentwickelt und zu klein für ihr Alter sind. Unter dem Motto „sport with a purpose“ sammelt die Orbis Challenge Spenden, um die Unterernährung bei Kindern in Malawi zu bekämpfen. Edson gehört zu den lokalen Guides bei der Veranstaltung und freut sich darauf, anderen die Strecken zu zeigen, die er seit seiner Kindheit läuft.

 

„Wenn sie [die Teilnehmer der Orbis Challenge] in mein Land kommen, erhalten sie nicht nur eine aufregende Lauf-Challenge, sondern erfahren viel über den Mulanje, mein Dorf und die Menschen in Malawi. Sie werden die Wärme spüren, mit der wir auf Leute zugehen und ich bin sicher, viele von ihnen werden wiederkommen.“

 

Die Freundlichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner Malawis hat ihnen den Übernamen „das warme Herz Afrikas“ eingebracht. Und Edson Kumwamba als freiwilliger internationalen Botschafter verstärkt dieses Bild nur noch. 

 

Auch in diesem Jahr konnte Edson nach dem Marathon du Mont Blanc nur kurz in Europa verweilen. Vom On-Büro fuhr er direkt zum Flughafen, damit er für den Porter's Race 2019 zurück in Mulanje sein konnte. Nur einen einzigen Tag war er bei uns. Dennoch machte uns sein Abschied äusserst traurig.

 

Nur wenige Tage nach seinem Besuch bei uns, bestritt Edson zusammen mit seinem Freund Marcus Smith den Porter's Race. Während Marcus seinem Kumpel Edson eine Startnummer beim Marathon du Mont Blanc verschaffte, konnte sich Edson im Malawi revanchieren und Marcus an den Start einladen.

 

Zurück auf dem Mulanje holte Edson den achten Rang in der Gesamtwertung. Aber genau wie damals, als er als Neunjähriger die Strecke zum ersten Mal lief, rannte er sie nicht, um sich mit anderen zu messen. Für ihn geht es bei diesem Rennen um viel mehr als um den Sieg. Es symbolisiert den Beginn einer Reise, von der er hofft, dass sie anderen in Malawi – insbesondere denen, die weniger Glück hatten wie er – ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ein Lächeln, wie es Edson Kumwamba hat.

 

Zum Glück hat Edson guten Grund zu lachen. Die Prophezeiung seiner Mutter hat sich erfüllt. Doch seine Geschichte beginnt gerade erst.

 

Updates und Stories findest du auf on-running.com oder bei Instagram

         

Der Cloudventure
Edson's Schuh für den Marathon du Mont Blanc: „Ich mag diesen Schuh, weil er sehr leicht ist. Gerade wenn man lange Strecken läuft, braucht man diese Art von Dämpfung. Ausserdem hat der Schuh auf der Vorderseite einen harten Schutz. Der ist grossartig, um die Steine wegzutreten, wenn die Beine müde werden.“
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