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Tadesse Abraham | Swiss Olympics

Tadesse Abraham kommt aus einem kleinen Dorf in Eritrea und ist nun auf dem Weg zu seinen zweiten Olympischen Spielen. Wir haben uns mit dem schnellsten Marathonläufer der Schweiz über das unterhalten, was für Tokio ansteht.

 

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du davon geträumt hast, an den Olympischen Spielen teilzunehmen?

 

Den genauen Zeitpunkt? Den weiss ich nicht mehr. Als ich vor einundzwanzig Jahren die Athlet:innen bei den Olympischen Spielen in Sydney sah, wusste ich, dass ich das auch wollte. 2001 wurde ich Profiläufer und 2004 begann mein Weg, ein Olympionike unter Schweizer Flagge zu werden.

 

Wie würdest du deine Beziehung zum Laufen beschreiben?

 

Ich wollte immer Radfahrer werden. Aber als mein Fahrrad kaputt ging, wechselte ich zum Laufen. Heute ist Radfahren immer noch mein Hobby und Laufen mein Beruf –   eine intensive Beziehung. Nach über 20 Jahren hat man viel Erfahrung, obwohl ich nie sagen würde, dass ich alles weiss. Es ist etwas, das ich jetzt sehr gut kenne. Wir sind wie eine Mischung aus Salz und Wasser – das Laufen und ich. 

 

 

Ist das Training für die Olympischen Spiele etwas anderes? Wie bereitest du dich darauf vor?

   

Der Druck bleibt immer gleich. Du repräsentierst dein Land. Es geht nicht mehr einfach nur um dich, sondern um viel mehr. Du hast dein Land im Rücken, und du läufst mit dieser Ehre. 

 

Natürlich haben wir ein Trainingsprogramm. Um 7:00 Uhr stehen wir auf, um zu dehnen. Um 8:30 Uhr gehen wir laufen, gefolgt von einer weiteren Stretching-Einheit. Um 12 Uhr esse ich zu Mittag und ruhe mich dann eine Stunde aus. Dann geht´s mit Fotoshootings und Interviews zurück an die Arbeit. Am Nachmittag steht noch ein zweites Training an. Vor dem Abendessen rufe ich normalerweise meine Familie an und wünsche ihnen eine gute Nacht. Dann heisst es Abendessen und direkt ins Bett. 

 

Wie leicht fällt es dir, jeden Tag motiviert zu bleiben und zu trainieren?

   

Natürlich haben wir manchmal Tage, an denen wir nicht motiviert sind. Das ist menschlich. Aber die gesteckten Ziele sind wichtig, und ich liebe, was ich tue. Es ist mein Job, ich weiss, warum ich hier bin. Das gibt mir die Motivation, weiterzumachen. Ich möchte die junge Generation inspirieren. Also versuche ich motiviert zu bleiben, um andere zu motivieren. 

 

 

Apropos Motivation – wegen der Pandemie wird es keine Schweizer Fans in Tokio geben. Wie fühlst du dich diesbezüglich? Wird dich das beeinflussen? 

    

Wir werden die Fans vermissen. Bekannte Gesichter zu sehen, Menschen, die deine Ziele mitverfolgen, kann deine Energie und Motivation steigern. Jeder Athlet und jede Athletin wird das vermissen. Den eigenen Namen rufen zu hören, spornt dich ungemein an.

 

Das ist sicherlich ein ganz anderes Gefühl als bei deiner Teilnahme vor fünf Jahren. Hat deine Erfahrung mit den Olympischen Spielen in Rio in irgendeiner Weise deine Vorbereitung geändert? 

     

2016 ging es einfach darum, Olympionike zu sein. Es ging darum, mein Bestes zu geben und das Rennen zu geniessen. Ich habe mich einfach wie gewohnt vorbereitet und hatte ein gutes Jahr. Ich war einfach glücklich, dabei zu sein. Ich denke, dass es jetzt etwas mehr Druck gibt. Du musst dich von Mal zu Mal verbessern. Solange ich gesund bin, ist alles möglich. 

    

 

Wie fühlt es sich an, in Ausrüstung von On, einer Schweizer Marke, zu laufen?

    

Es ist eine Ehre, dass ich von der Schweiz und der Marke On gemeinsam unterstützt werde. Eine wahre Freude. Meine On's sind meine Schuhe, weisst du? Denn ich trage sie und sie spiegeln wider, wer ich bin. 

 

Deine Vorbilder waren dir wichtig. Wie fühlst du dich jetzt, da du ein Vorbild für andere geworden bist?

    

Ich bin ein grosser Fan des kenianischen Läufers Paul Kibii Tergat. Er gibt nie auf. Er hat immer Hoffnung. Als Flüchtling in die Schweiz zu kommen, war wirklich hart. Sein Vorbild erinnerte mich stets daran, motiviert zu bleiben. Wenn er das kann, warum nicht auch ich. Für mich geht es nicht darum, das Rennen zu gewinnen, es geht darum, seinen Zielen treu zu bleiben. Das ist es, was für mich gewinnen heisst. Ich bin wirklich glücklich mit meiner Karriere. Ich hoffe, dass ich auf meinem Weg viele Menschen inspirieren kann. Ich liebe es, Briefe von Leuten zu erhalten, die sagen, dass ich sie inspiriere. Es ist eine Aufforderung, weiterzumachen. 

       

 

Was steht als Nächstes bei dir an? Hast du grosse Träume für die Zeit nach den Olympischen Spielen?

    

Meine Träume … ich habe drei Träume. Erstens möchte ich als Mensch, als Flüchtling, ein Leben in der Schweiz führen können. Ich bin nicht reich, aber meine Familie und ich sind glücklich und gesund. Zweitens wollte ich als Athlet an den Olympischen Spielen teilnehmen. Nicht gewinnen. Dort zu sein, heisst für mich, ein Olympionike zu sein. Das habe ich also bereits 2016 geschafft.

 

Drittens würde ich gern Roger Federer treffen und einen Kaffee mit ihm trinken. Nicht nur wegen des Sports – wofür er natürlich bekannt ist – sondern dafür, wer er ist. Ich würde ihn einfach gerne kennenlernen. 

 

Ich bin kein grosser Träumer, aber im Moment muss ich mich auf die Olympischen Spiele konzentrieren. Danach werde ich über meinen nächsten Schritt nachdenken. 

   

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