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Auf Entdeckungsreise: Trailrunning im Kaukasus

Für Kirra Balmanno ist keine Herausforderung zu gross. Nur wenige Menschen sind gleichzeitig Tierärztin und gewinnen Ultramarathons in schwindelerregender Höhe. Kirra schon. Als es darum ging, die wilden Trails im georgischen Kaukasus zu entdecken, kam deshalb nur eine Frau infrage. Hier erzählt sie von ihrem Abenteuer.

 

Wir sassen auf den Zwillingsfelsen und hielten den Atem an, in der Hoffnung, dass die Sonne die Wolkendecke durchbrechen würde und wir in den Genuss eines Sonnenaufgangs vor der Kulisse des Kasbek kämen, der im Hintergrund schlummerte. Ein Hund aus dem Dorf war uns bis zum Aussichtspunkt gefolgt und spiegelte unsere Begeisterung und Erschöpfung wider. Alle paar Minuten steckte ein sanftes Gähnen des einen den anderen an. Seit wir in Georgien gelandet waren, hatte ich meinen Kameramann in Gegenwart eines Hundes nicht mehr so entspannt erlebt. 

 

 

Die angestaute Müdigkeit nach einer fast schlaflosen Nacht auf 3001 Meter über Meer und einem Weckerklingeln noch vor der Dämmerung liess uns ruhig und gelassen hier sitzen, während wir auf die goldene Stunde warteten – ähnlich friedvoll wie der Vulkan selbst. Wir waren von Omalo nach Kasbegi (Stepanzminda) gelaufen. Wanderer brauchen für diese Strecke zehn Tage. Wir hatten für unseren Lauf drei Tage eingeplant, einschliesslich eines Foto-Shootings unterwegs. Die Hälfte der Reise lag hinter uns. Insgesamt sollten wir elf Tage lang unterwegs sein und dabei 335 km und mehr als 20.000 Höhenmeter überwinden. Die Art von Abenteuer, bei dem man den Spass erst retrospektiv bemerkt.

 

 

Der Sonnenaufgang war nicht sonderlich spektakulär, trotz der äusserst beeindruckenden Kulisse. Aber gute Abenteuer halten sich selten an einen Plan. Besonders dann nicht, wenn man von einem Fotografen begleitet wird und die Wildnis des Kaukasus auf eigene Faust erkunden will. Sonnenuntergänge hielten wir nur dann fest, wenn wir erst nach Einbruch der Dunkelheit ein warmes Bett zum Schlafen fanden. Unserer Faszination für Sonnenaufgänge konnten unsere georgischen Gastgeber wenig abgewinnen. anfangen konnten und mit einem Frühstück vor 8 Uhr morgens war nicht zu rechnen. Aber das Warten hat sich immer gelohnt.


 

Die dunklen Wolken, die den 5033 m hohen Gipfel des Kasbek gestern noch wie hungrige Haie umkreist hatten, waren verschwunden. So konnten wir die Gelegenheit ergreifen, zum Gletscher und wieder zurück zu laufen, bevor wir eine Marschrutka (ein georgisches Kleinbus-Taxi) nach Tiflis nahmen.


 

Was wollten wir überhaupt dort draussen? Gute Frage. Bei unseren täglichen Läufen, die durchschnittlich 40 km lang waren, habe ich mich oft dasselbe gefragt. 


 

In den letzten Jahren sind solche Reisen für mich zur Regelmässigkeit geworden. Irgendwann werde ich rastlos und spüre das Bedürfnis, zum Ursprung zurückzukehren. «Essen. Schlafen. Laufen. Und dann wieder von vorn» – so heisst das Motto dann jeweils. Es erhöht die Wertschätzung, reduziert selbstgemachten Stress und kurbelt die Kreativität an. Ich verliere mich in Tälern, erklimme ganz allein Hochgebirgspässe und wärme mich in abgelegenen Dörfern, in denen mir Einheimische heissen Tee servieren und mich wie einen alten Freund willkommen heissen, auf.


 

Die einfachen Bedingungen und die extremen physischen Anforderungen, denen der Körper beim Laufen in grosser Höhe und über unvorstellbare Strecken ausgesetzt ist, lenken den Blick auf das eigene Innere.


 

Bei einem solchen Erlebnis überwindet man die eigenen Grenzen und schafft eine Gelegenheit, sich selbst besser kennenzulernen und bewusst über sich hinauszuwachsen. Die Berge, von denen ich umgeben bin, helfen bei diesem Prozess. Vielleicht sind sie gar unverzichtbar dafür. Ihre erhabene Präsenz, rau und doch majestätisch, erdet uns und öffnet uns die Augen auf eine Weise, die wir nur selten erleben. 

 

 

Vor mehr als einem Jahr, als ich diese Tour während meiner Mittagspausen im Detail plante, dachte ich, es wäre eine gute Idee, etwas Neues auszuprobieren und Pässe auf einer Höhe bis zu 3500 m zu erklimmen. Ich wollte vor allem Singletrails laufen. Solche, die wild, steinig und oft erodierte sind. Ungeschützte Pfade, auf denen man die eine oder andere Viper sieht. Das war ein weiterer Schreckmoment für meinen Kameramann. Nicht zu vergessen die Trails, die zu Brennnessel-«Plantagen» führten. Wusstest du, dass man ohnmächtig werden kann oder sich eine schlaflose Nacht holt, wenn man zu sehr mit Brennnesseln in Kontakt kommt? Eine weitere interessante Tatsache: Man kann die Brennnesselblätter kochen und Pizza damit belegen. Genau das werde ich tun, wenn ich wieder zu Hause bin. 

 

 

Dieses Abenteuer war die Chance, etwas Neues zu entdecken: Einerseits einen Teil von uns selbst, andererseits einen Teil der Welt, der uns – und den meisten Trailrunnern – völlig unbekannt war. Im Gespräch mit David, meinem Kontakt in der georgischen Trailrunning-Community (die etwa zehn Mitglieder zählt), zeigte sich, dass ich hier unbekanntes Läufer-Terrain betreten würde. Es war echt und roh und manchmal auch hart. Bei unseren Läufen über mehrere Bergpässe trugen wir die gesamte Kamera-Ausrüstung, Vorräte und alles andere, was man sonst noch so braucht, mit uns mit. Gleichzeitig waren wir ständig auf der Hut und immer bereit, mit unseren Stöcken im Fall der Fälle einen 90 kg schweren georgischen Schäferhund abzuwehren. Auch das kam mehr als nur einmal vor. Bevor wir die Landeshauptstadt Tiflis verliessen, erwähnte David, dass sein Freund Beka jeweils Feuerwerkskörper bei sich trägt. «Funktioniert wunderbar!» Lustig, Pyrotechnik stand nicht auf unserer Packliste...


 

Weit abseits von Dörfern und Strassen konnten wir den ganzen Tag laufen, ohne auf viele Spuren menschlicher Zivilisation zu stossen. Vor uns einzig und allein der Singletrail und gelegentlich ein mittelalterlicher Turm in der Ferne – uralt, schief und einsam auf einem Hang stehend. Früher wurde dort Ausschau nach Dieben und einfallenden Truppen gehalten. Die Türme stammen aus dem neunten bis zwölften Jahrhundert. Und sie sehen auch so aus. Einige werden nur noch von einem Haufen Schutt am Fuss des Turmes halbwegs aufrecht gehalten. Andere sehen so aus, als würden sie jeden Moment der Schwerkraft zum Opfer fallen. 

 

Der Cloudventure
Unser voll gepolsterter Trailschuh mit der zusätzlichen Traktion von Missiongrip(TM). Geboren in den Schweizer Alpen, bereit für Offroad-Einsätze auf der ganzen Welt.
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Genauso hatte ich mir mein Lauf-Abenteuer in den Tiefen des Kaukasus vorgestellt. Weit weg von sorgfältig gepflegten Berghängen und läutenden Kuhglocken, die in den Alpen Zeugen der Zivilisation sind. Hier erwartete uns das Unbekannte. Jeder Tag brachte neue Aussichten, Freundschaften und Herausforderungen.


 

Das Abenteuer begann in Tiflis. Am ersten Tag liessen wir die Stadt hinter uns und fuhren acht Stunden lang über unbefestigte Strassen, die sich entlang der Berghänge hinauf schlängelten. Unser Ziel: Omalo, der Ausgangspunkt unserer Tour. Bis der Schnee auf den Pässen geschmolzen ist, die Spuren der Erdrutsche auf der einzigen Zufahrtsstrasse beseitigt sind und die Einheimischen wieder nach Hause gelangen können, sind diese Dörfer völlig verlassen.


 

Unterwegs begegneten wir unzähligen Mitsubishi Delicas. Sie sind das inoffizielle Wahrzeichen der Kaukasus-Strassen und scheinen sich allen Gesetzen der Physik zu widersetzen, wenn sie sich die unglaublich steilen Strassen hochkämpfen.


 

Entlang der Strassen sahen wir etliche Gedenkstätten. Statt Blumensträussen erinnern Fotos an die Personen, denen diese Strassen zum Verhängnis geworden waren. Daneben standen überdimensionierte Bierflaschen und kleine Fläschchen des selbstgebrannten, georgischen Schnaps Chacha. Sie erinnerten uns daran, dass wir in Georgien waren, auch wenn die Landschaft uns glauben machen wollte, dass wir die Alpen nicht verlassen hatten.


 

Hin und wieder sahen wir ein Habicht-Pärchen, das romantisch durch die Lüfte schwebte. Bei unserem ersten Rencontre mit ihnen, wurde der Rucksack meines österreichischen Begleiters (und Fotografen) Lukas etwas leichter. Die Verbindung zur Drohne wurde für immer gekappt. Wir konnten nur spekulieren, dass die Habichte sie vom Himmel geholt hatten und in den üppigen Tiefen des Tals verschwinden liessen. Ansonsten war die Tierwelt sehr scheu. Im oberen Kaukasus gibt es Bären, Leoparden und Wölfe. Doch mit ihnen machten wir keine Bekanntschaft.

 

 

Unser Fahrer setzte uns an unserem Zielort ab, wendete das Auto und verschwand in einer Staubwolke. Einen Moment lang standen wir einfach nur da, in den Händen nichts als die kleinen Rucksäcke, mit denen wir den ganzen Weg bis zum etwa 160 km entfernten Kasbegi (Stepanzminda) laufen wollten. Ich öffnete ein quietschendes Tor und betrat den wild bepflanzten Garten unserer Pension. Fliederfarbene Blumen, Dill und Apfelbäume säumten den Pfad zu einem Tisch, der im Schatten eines Sonnenschirmes stand. Innerhalb weniger Minuten war dieser Tisch mit grosszügigen Tellern voll mit Wassermelone und Keksen und starkem türkischem Kaffee gedeckt. Unser Treibstoff für die folgenden Tage. 


 

Der erste Tag verging schnell. Wir bewegten uns flink über die Trails und bestaunten die Schönheit einer Landschaft, die mich an meine Heimat in den Schweizer Alpen erinnerte. Kurz nach dem Mittag erreichten wir schon unser Ziel. Den Nachmittag verbrachten wir bei einem Sonnenbad und warteten darauf, bis die georgischen Trailrunner in ihrem Delica ankamen. Wir hatten ja keine Ahnung, dass dies die letzte Gelegenheit sein würde, uns zu entspannen.

 

 

Girevi liegt nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Unser Blick war nach Norden auf einen kleinen Hügel gerichtet, als einer der sechs georgischen Trailrunner, die uns am zweiten Tag begleiteten, erklärte: «Direkt hinter diesem Pass liegt Tschetschenien. Wenn ihr ihn überquert, landet ihr direkt im Gefängnis.» Als Ausländer würden wir wahrscheinlich nach einigen Tagen freigelassen werden. Als Georgier würde es einige Jahre dauern. Dieser Gedanke liess sich nicht abschütteln, als wir in der Nachmittagssonne darauf warteten, dass der Grenzposten unsere Pässe kontrollierte und uns den Atsunta-Pass überqueren liess. Die wachsamen Augen eines wolfsgrossen Wachhundes sorgten dafür, dass keiner eine plötzliche Bewegung machte.


 

Zwischen Georgien und Russland herrscht offiziell immer noch Krieg. Die verfallenden Festungen erinnern ständig an die blutige Geschichte der Region. Vor Ort war die Atmosphäre aber sicher und friedvoll. In unserer zweiten Unterkunft wurden wir herzlich willkommen geheissen. Die ganze Familie war den Nachmittag über damit beschäftigt, anlässlich unseres Besuches Chinkali (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) zuzubereiten. In Georgien gibt es ein Sprichwort: «Ein Gast ist ein Geschenk Gottes.» Eine Weisheit, die ich schon sehr bald zu schätzen lernen wusste.


 

Man setzte uns Portionen vor, die einem Ultrarunning-Vorhaben mehr als gerecht wurden. Die Tische bogen sich unter Schüsseln voller gegartem Gemüse, Suppen, frischem Brot, hausgemachtem Käse und einem meiner Favoriten: Gurken und Tomaten in einer Sauce mit gehackten Walnüssen. Oft war auf dem Tisch nur noch so wenig Platz übrig, dass die Berge von Butter auf einen leeren Stuhl Platz nehmen mussten.


 

Die regionale Küche war nicht nur lecker und reichhaltig, sondern stillte immer auch den unglaublichen Appetit, den wir auf unseren täglichen Etappen entwickelten. An besonders hungrigen Tagen gab es Chatschapuri, eine Spezialität aus gesäuertem Brot mit einer reichhaltigen Käsefüllung. Bei unserer Ankunft in Tiflis schaffte ich es nur, ein halbes Stück davon zu essen. Am zehnten Tag verschlang einen ganzen Teller davon.


 

Dann kamen die Getränke. Wasser kam niemals auf den Tisch. Hingegen wurden wir von den Einheimischen jede Nacht nachdrücklich ermuntert, Wein, Bier und Chacha zu probieren. Eingeschenkt wurde meist aus wiederverwendeten Fanta-Flaschen. Aber Achtung: Wenn das Schnapsglas einmal gefüllt war, wurde dafür gesorgt, dass dies so blieb. Abgesehen von einigen Ausnahmen, um uns «der örtlichen Kultur zu öffnen», trauten wir uns daher meist nicht, einen ersten Schluck zu nehmen. 


 

Eine dieser Ausnahmen war ein gemeinsames Festmahl namens Supra, welches wir mit den Trailrunnern, die mit uns gemeinsam die tückische Tuschetien-Strasse liefen, teilten. Am zweiten Tag starteten wir also mit vollen Bäuchen und Gruppe neuer, fröhlicher Freunde. Ich hatte für das Team sechs Paar Cloudventure Peak aus der Schweiz mitgebracht, die wir nun auf kaukasischem Boden testen würden und zwar über Stock und Stein und Flüsse und entlang vierzig Kilometer in schwindelerregender Höhe. Am höchsten Punkt des Atsunta-Passes (3400 m) sagte David ganz beiläufig: «Morgen lauft ihr zu diesen Bergen.» Mir blieb der Mund offen stehen, als ich in der Ferne die zwei Gipfel erspähte, auf die er gezeigt hatte. Früher hatte ich als Tierärztin in Folkestone an der Südküste Englands gearbeitet. An einem klaren Morgen konnte ich gerade so knapp das 80 km entfernte Frankreich auf der anderen Seite des Ärmelkanals erkennen. Etwa genauso weit entfernt sahen diese Gipfel aus.

 

 

 

Die folgenden Tage waren unglaublich. Unser Trail Team wurde immer kleiner, bis wieder nur noch wir beide übrig waren. Unser Dialog beim Laufen spielte sich immer auf gleiche Weise ab: Meine Uhr gab ihr Kilometerpiepsen von sich und ich meldete Lukas, wie weit wir gekommen waren. Seine Antwort war dann stets: «Gut!». Er beschwerte sich niemals. Nicht einmal an einem besonders heissen Tag in Swanetien, an dem ich dachte, dass er es nicht mehr schaffen würde. «Ich bin absolut fertig», waren die ersten und letzten Worte, die er an diesem Abend mit mir sprach. Ich gab ihm einfach mehr und mehr zu essen und machte noch mehr Tee – in der Hoffnung, er würde wieder zu den Lebenden zurückkehren. Glücklicherweise hat es geklappt.

 

 

Jeden Abend gingen wir beim Nachtessen die Ereignisse des Tages durch. Vor der Reise hatten wir uns nur dreimal getroffen. Nun waren wir rund um die Uhr zusammen und erlebten zahlreiche Momente, in denen wir froh waren, den anderen dabei zu haben. Nicht nur, als der bärengrosse Hund in Kvemo Marghi auf unsere Seite des Zaunes sprang, sondern auch an den besonders langen Tagen, an denen wir es nur wegen des gemeinsamen Quatschens und Lachens auf den Gipfel schafften.


 

Eine weitere Ausnahme im unausgesprochenen «Kein-Chacha-Pakt» ereignete sich bei unserem denkwürdigen Aufenthalt in Zemo Marghi. David, der die Unterkunft für mich gebucht hatte, gab mir folgende Wegbeschreibung: «Wenn ihr im Dorf angekommen seid, fragt ihr nach Murmon.» Zum Glück gab es in diesem Dorf, das aus etwa zwölf Häusern bestand, nur einen Murmon mit einer Pension. Wir fanden den fröhlichen alten Mann vor einem rustikalen, zweistöckigen Haus beim Holzhacken. Er lächelte uns an und nuschelte etwas über Russki. Wir sagten ihm, dass wir kein Russisch sprechen. Er kicherte, nahm uns mit auf sein Grundstück und rief: «Saba!» 


 

Eine hübsche Kuhherde graste auf einem gepflegten Rasen. Am Waldrand, inmitten der atemberaubenden Gebirgslandschaft, reihte sich ein Bienenstock an den nächsten. Ein Schäferhund lag neben einer alten Badewanne bei einem Holztisch und wedelte mit dem Schwanz. Die Stimmung war ruhig und friedlich. 


 

Murmon bat uns, Platz zu nehmen. Sein neunjähriger Sohn kam mit einem freundlichen Lächeln, einem Brotkorb und zwei Tellern aus dem Haus. Einer war mit Käse belegt, der andere mit Gurken. Wie immer fielen wir heisshungrig über das Essen her und verschlangen so ziemlich alles.


 

Bei Einbruch der Dunkelheit kam Murmon mit einer Glühbirne aus dem Haus und schraubte sie irgendwo im Baum über unserem Tisch ein. Saba breitete die Tischdecke aus Metzgereipapier aus und legte Servietten aus herausgerissenen Seiten eines Notizbuchs dazu. Wir sahen zu und waren gespannt, was passieren würde. In diesen Momenten ersetzten dankbare Blicke die Worte, die uns fehlten. Es gab eine herzhafte Suppe, noch mehr Brot und Käse und natürlich – man ahnt es schon – die übliche Plastikflasche Chacha. Wir stiessen auf traditionelle Weise an: Wir hoben das Glas und schlangen unseren Arm um den des Nachbarn, bevor wir den Schnaps in einem Zug tranken und es uns schüttelte, weil er so stark war. Lukas und ich tauschten Blicke aus – einerseits besorgt darüber, dass der Abend im Chaos enden könnte und andererseits belustigt, dass wir nach einem langen und anstrengenden Tag an diesem Gartentisch bei einer Dinnerparty mit Einheimischen sassen. Uns fehlte eine gemeinsame Sprache, aber wir fühlten uns dennoch verbunden und voller Frohsinn. Unsere Handys blieben im Haus. Es wäre unhöflich gewesen, die furchtbare Frage zu stellen: «Entschuldigen Sie, gibt es hier WLAN?» Stattdessen spielten wir im Garten Fussball und Saba zeigte uns seinen handgeschnitzten Pfeil und Bogen.


 

Am Morgen erwachten wir bei klarem blauem Himmel und begannen bei langsamem Jogging-Tempo mit dem Aufwärmen. Dann verabschiedeten wir uns von unseren neuen Freunden, die sich Sättel um die Schultern gebunden hatten und vermutlich auf dem Weg zu ihren Pferden waren. 

 

 

Abgesehen von den Chacha-Kopfschmerzen standen jeden Tag neue Herausforderungen auf dem Programm. Wir überlebten wundgescheuerte Haut (nicht ich), etwa fünf Tage Magen-Darm-Probleme (ich) und riesige Hunde. Mein linker Arm schälte sich wegen des Sonnenbrandes. Unsere Körper verloren die Fähigkeit zur Wärmeregulierung. Beim Abendessen waren wir in warme Decken und Kleider gehüllt, während sich andere über die heissen Temperaturen beschwerten. Ich erinnerte mich an die Zweifel, die ich Lukas gegenüber vor unserer Abreise geäussert hatte, damals, in unserer Burrito-Bar in Innsbruck. «Ich bin nicht sicher, ob das krass genug ist, Lukas.» 

 

 

Als ich am siebten Tag mit Muskelkater und brennender Haut – Brennnesselfeld sei Dank – schlaflos im Bett lag, fragte ich mich selbst etwas verzagt, ob ich überhaupt zu Ende bringen konnte, was ich mir vorgenommen hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass das ein echtes Abenteuer war. Eine Reise, bei der man über sich selbst hinauswachsen muss, um sie abzuschliessen. Diese Erkenntnis motivierte mich, weiterzumachen. 


 

Die Chance auf Wachstum lasse ich mir nicht entgehen. Umso besser, wenn dabei auch Laufen und Berge im Spiel sind. 


 

Nach dieser Erleuchtung in Nakra wurde alles einfacher. Es folgte ein kürzerer Lauf in das touristische Mestia über nur 22 Kilometer. Eigentlich ein Ruhetag, mit weniger als 1600 Höhenmetern. In den Geschäften konnten wir unsere schwindenden Schokoriegel-Vorräte auffüllen. Ein Gewittersturm kühlte die schwüle Luft endlich ab. Es war wie eine Metapher für die Beschwerlichkeiten, die wir auf unserer bisherigen Reise erlebt hatten und die gute Zeit, die vor uns liegen würde. Das war sie. Wir sprangen in Pfützen, hüpften flink über immer angenehmere Trails und legten Pausen ein, um die gigantische, strahlende Gletscherwand zu bestaunen, die sich vor uns ausbreitete. Kein Zweifel: Die Natur hier ist unglaublich schön.

 

 

Es war nicht geplant, dass dieser letzte Lauftag das Sahnehäubchen unserer Reise werden sollte, aber wie alle guten Abenteuer verlief eben nicht alles nach Plan. Wir erklommen den höchsten Punkt eines weiteren atemberaubenden Passes. Wir überquerten den eiskalten Fluss, der aus dem Gletscher-Wasserfall vor uns entsprang. Im Norden waren gigantische Eiswände zu sehen. Als hätte Russland einen Projektor aufgestellt, um die Wahrheit auf der anderen Seite zu verbergen. Ein absolut surreales Gefühl.


 

Als wir um die letzte Kurve bogen und der Gletscher endgültig aus unserem Blickfeld verschwand, fühlten wir uns wie Kinder, die von ihren Eltern aus dem Disneyland abgeholt werden: Völlig überdreht vor Aufregung (und aufgrund der Gummibärchen, die wir zwei Tage zuvor gekauft hatten) und ohne die geringste Lust, diesen magischen Ort wieder zu verlassen. Aber wir durften unseren Fahrer nicht verpassen. Er erwartete uns um 16 Uhr, um uns in die farbenfrohe Hauptstadt zurückzubringen. Unser Treffpunkt, Uschguli, ist eine der am höchsten gelegenen durchgängig bewohnten Siedlungen Europas. Ich war zutiefst gespalten. Ich wollte nicht, dass das Abenteuer zu Ende geht, aber meine Kleider gehörten dringend in die Waschmaschine. Und Lukas‘ stinkende Mütze in den Müll. 

 

 

Als wir auf dem Rücksitz die geschlängelten Bergstrassen entlangfuhren, hielten sich Übelkeit und Zufriedenheit ungefähr die Waage und ich dachte darüber nach, wie viel solche Reisen ins Unbekannte bewirken können. Unterschiede erzeugten eine Verbindung. Durch all die Herausforderungen blieben wir uns treu. Die unbefestigten, schmalen Trails führten nicht nur in bezaubernde Landschaften, sondern auch zu einer besseren Version meiner selbst. 

 

Solltest du nach Georgien reisen?

Wenn dir die fesselnde Schönheit der Schweizer Alpen den Atem verschlägt und der dramatische Himalaya dir Gänsehaut bereitet, dann ist Georgien definitiv eine Reise wert. Aber vielleicht solltest du nicht hinfahren, wenn du gerade auf Diät bist. 


 

Solltest du in Georgien laufen gehen?

Auf jeden Fall! Type Two Run organisiert eine Trailrunning-Woche entlang einiger der Trails, die wir selbst absolviert haben. Sei im August 2020 dabei! typetworun.com


 

Anreise:

Die facettenreiche und farbenfrohe Hauptstadt Tiflis solltest du dir nicht entgehen lassen. Anreisen kannst du mit dem Flugzeug, dem Zug oder natürlich auch mit Freunden gemeinsam in einem Van.

 

Die Statistiken:

11 Tage Laufen im Kaukasus – 335 km – 20.430 Höhenmeter


 

Kirras Reiseplan (Vielen Dank an David Jijelava & Beka Aslanishvili für ihre Tipps bei der Routenplanung und an Paul von Trans Caucasian Trail für aktualisierte Infos zum Swanetien-Abschnitt).

 

 

Der Reiseplan

 

 

Tag 1

 

Omalo – Girevi

 

33,46 km / 2.084 Höhenmeter

 

Tag 2

Girevi – Schatili

40,24 km / 2.455 Höhenmeter

 

Tag 3

Shatili – Roshka

43,48 km / 2.969 Höhenmeter

 

Tag 4

Roschka – Kasbegi (Stepanzminda)

43,64 km / 1.761 Höhenmeter

 

 

Tag 5

Kasbegi (Stepanzminda) – Altihut 3001

10,85 km / 1.356 Höhenmeter

 

Tag 6

Altihut – Kasbek-Gletscher – Kasbegi (Stepanzminda)

12,86 km / 392 Höhenmeter

Siehe oben. Wir sind im Prinzip dieselbe Strecke zurückgelaufen und haben noch etwas angehängt.

 

Tag 7

Tiflis: Ruhetag + Kalorien

 

Tag 8

Kvemo Marghi – Zemo Marghi

5 km / 336 Höhenmeter. Wanderung/Lauf (nicht aufgeführt)

 

Tag 9

Zemo Marghi – Nakra

32,01 km / 2.228 Höhenmeter

 

Tag 10

Nakra – Mezeer

40,62 km / 2.825 Höhenmeter

 

 

Tag 11

Mezeer – Mestia

22,59 km / 1.538 Höhenmeter

 

 

Tag 12

Mestia – Adishi

26,13 km / 1.654 Höhenmeter

 

 

Tag 13

Adishi – Ushguli

30,01 km / 1.168 Höhenmeter

 

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