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«Wirklich hart»: Dame Kelly Holmes erzählt vom Laufen in den Bergen Malawis

Dame Kelly Holmes ist Mittelstreckenläuferin und hat zwei olympische Goldmedaillen geholt. Für ihre sportlichen Verdienste in ihrem Heimatland Grossbritannien wurde sie als «Dame» geadelt. In der britischen Armee bekleidet sie den Rang eines Colonels und war gleichzeitig Judomeisterin. Wenn sie also von etwas behauptet, es sei hart, glaubt man ihr besser.

 

«Hart» ist nur eines der Worte mit denen Dame Kelly ihre Erfahrung bei der Orbis Challenge beschreibt. Sie nennt sie auch «inspirierend» und «emotional». Und Teile davon lassen sich erst gar nicht in Worte fassen.

 

Der Event, der unter anderem von On gesponsert wird, bietet Trailrunnern die einzigartige Herausforderung, sich den wilden und nicht zu unterschätzenden Pfaden des Mulanje-Massivs im afrikanischen Malawi zu stellen. 2018 und 2019 führte Dame Kelly die Läufer an. In unserem Gespräch erklärt sie uns, dass es bei diesem Ereignis um deutlich mehr geht als eine körperliche Challenge zu meistern. Es geht auch darum, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und mit den Menschen in Malawi, die trotz vieler Rückschläge und zahlreichen Hindernissen immerzu positiv gestimmt sind, in Kontakt zu treten.

 

 

Dame Kelly, im Vereinigten Königreich ist dein Name jedem ein Begriff. Sicher bekommst du ständig Vorschläge, diverse Initiativen zu unterstützen. Warum hast du dir die Orbis Challenge ausgesucht? 

 

«Ich habe Kate [Webb, Leiterin der Orbis Challenge] 2018 getroffen und wir haben darüber gesprochen, dass ich nach Malawi reisen könnte, um im Rahmen einer Initiative Frauen dabei zu unterstützen, nachhaltige Unternehmen aufzubauen. Diese Idee fand ich toll, aber ich konnte nicht dahin reisen, ohne mich auch einer sportlichen Herausforderung zu stellen. 

Wir sprachen darüber, ob wir nicht weitere Sportler nach Malawi bringen können – einerseits um sich einer körperlichen Challenge zu stellen und andererseits um einen Beitrag für die wohltätigen Organisationen zu leisten, an denen Kate und ihr Team beteiligt sind. Die Grundidee der Orbis Challenge, Sport mit einem Hintergedanken, entstand genau daraus.

Ich war noch nie zuvor in Malawi gewesen und wollte dahin, um mich wohltätig zu engagieren, aber auch um mich als Sportlerin zu messen.» 

 


Nach der ersten Orbis Challenge im Jahr 2018 bist du 2019 zurückgekehrt. Es war also eine positive Erfahrung, richtig? 

«Ja, das war es wirklich. Vor allem dank der grossartigen Gruppe, in die man einbezogen wird. Beide Male verband uns dieselbe Einstellung. Niemand ist dort, nur um Urlaub zu machen, sondern um die Umgebung wirklich bewusst zu erleben.

In sportlicher Hinsicht wussten wir alle, dass es hart werden würde. Ich hatte schon Zeit mit anderen Gruppen verbracht, aber keine hat mich persönlich so sehr bereichert. Ich bin immer noch gut mit den Menschen befreundet, die ich bei der Challenge 2018 kennengelernt habe. Ich wusste nicht, ob es 2019 wieder ähnlich sein würde. Aber genau so war es.» 

 

 

Die Guides bei der Challenge sind malawische Läufer wie Edson Kumwamba. Wie war es, mit ihnen zu laufen? 

 

«Ich konnte kaum glauben, wie gut sie sind, obwohl ihnen so wenig Material und Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Sie sind unglaublich sportlich. Ausserdem waren sie enorm gastfreundlich. Es wurde schnell klar, dass sie sich über die Gelegenheit, uns unterstützen zu können, sehr freuten.

Die Trails waren wirklich hart. Deshalb war es eine tolle Sache, erfahrene Guides aus der Gegend mit dabei zu haben. Nicht alle in der Gruppe waren auf demselben sportlichen Niveau. Denen, die etwas mehr Unterstützung brauchten, haben die Guides viel Mut gemacht. Bei den Aufstiegen kamen wir wirklich an unsere Grenzen. Doch bei den Guides schien es so, als ob sie hinauffliegen würden.

Ihre Kenntnisse der Umgebung waren ebenfalls sehr hilfreich. Es kann nämlich durchaus gefährlich werden. Die Höhe und die Hitze können müde machen und dann kann es schon passieren, dass es zu Verletzungen kommt. Aber die Guides waren immer für uns da. Sie haben uns inspiriert und alles gegeben.» 

 


Also war es selbst für eine Olympionikin eine schwere Prüfung? 

«Oh ja, definitiv. Ich bin keine Langstreckenläuferin. Natürlich ist es ein Vorteil, dass ich mich mit dem Laufen auskenne. Ich weiss, wie ich mich motivieren und pushen kann, wenn es schwierig wird.


Aber das heisst nicht, dass es mir leichtfällt. Der Kampf spielt sich sowohl auf mentaler als auch auf körperlicher Ebene ab, weil man gegen die Bedingungen ankämpfen muss. Zu Hause laufe ich nie in solchem Gelände. In meiner Umgebung gibt es so etwas nicht. Einige der Läufer waren Hügel- oder Bergläufer oder Ultraläufer. Das bin ich nicht.

Der erste Teil des Mount Mulanje, auf den wir hochliefen, ist so steil, dass man praktisch hochkriecht. Zeitweise fühlte es sich an, als würde ich klettern. Ich konnte im Vorfeld nicht so viel ins Training investieren, wie ich das gerne hätte. Deshalb war auch der Abstieg eine schmerzhafte Erfahrung für meine Beine. Ich glaube nicht, dass ich etwas ähnliches in England je erleben hätte können. Die Umgebung in Malawi ist so anders. Da ist der Staub, die Höhe und dann die grossen Felsen und die kleinen Steine.

Gleichzeitig war die Aussicht einfach unglaublich. Das muss man geniessen, obwohl es manchmal schwerfällt, weil man gleichzeitig einen Kampf austrägt. Man muss bewusst den Kopf heben und die Aussicht bewundern. Dieses Mal habe ich darauf geachtet, mir diese Zeit zu nehmen. 2018 tat ich das nicht. Dieses Mal habe ich die Schönheit der Natur in Malawi wirklich gewürdigt. Ich dachte für mich, dass es einmalig ist, wo ich gerade bin und was ich alles schaffen kann. »

 

 

Du hast erwähnt, dass man für eine solche Herausforderung mentale Stärke braucht. Man kennt dich auch wegen deiner herausragenden Konzentration und du hast dich auch öffentlich darüber geäussert, wie du deine psychischen Herausforderungen meisterst. Gibt es Techniken, mit denen du deinen Geist gesund und stark hältst? 

«Ich glaube, ich habe die Fähigkeit, meinen Ein- und Aus-Schalter zu kennen. Wenn man sich zu sehr fordert, spürt man das. Egal, ob man frustriert, wütend oder müde davon wird. Es geht um die Fähigkeit, zu wissen, ob man einen Gang zurückschalten muss.

Wenn es darum geht, sich körperlich zu fordern, denke ich, dass es wichtig ist, dass man seine Ziele kennt und genau weiss, was man erreichen will. Es kann sehr entmutigend sein, wenn man das Gefühl hat, keine Fortschritte zu machen.

Alles ist ein Weg oder eine Reise. Ich glaube, wenn man es nicht so sieht, kann es einen ziemlich deprimieren. Nachdem ich in meinem Leben einige sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe, kenne ich mich heute sicher besser.

Man lernt zu verstehen, wann man seine eigene Freiheit und Zeit für sich selbst braucht.

Jetzt nutze ich das Laufen als Hilfsmittel für meine geistige und körperliche Gesundheit. Ich habe grosses Glück, dass ich einfach ein Paar Laufschuhe anziehen, aus dem Haus gehen und laufen kann.

Wie schnell oder langsam ich bin, hängt davon ab, wie ich mich fühle. Wenn ich viel Frust und Anspannung in mir habe, die ich loswerden will, gebe ich mehr Gas.

Für mich ist es ein Privileg, eine Läuferin zu sein und ein tolles Hilfsmittel, um Frust und negative Gefühle abzuwerfen.»

 

Du bist in deiner Karriere schon so viel gelaufen, aber deine Leidenschaft für das Laufen scheint nicht im Geringsten nachzulassen. Wie schaffst du es, so motiviert zu bleiben? 

 

«Es liegt wohl daran, dass das Laufen so viel mehr sein kann, als einfach einer Zeit hinterher zu rennen.

Ich stecke mir immer noch Ziele und werde mich auch 2020 auf das Laufen konzentrieren. Ich will mir selbst beweisen, dass ich immer noch Leistung bringen kann. Langsam werde ich älter. Und irgendwie will ich mir beweisen, dass das Alter nur im Kopf ist, aber keine Frage des Körpers ist. Tatsächlich will ich mich dieses Jahr mehr neuen Herausforderungen stellen.

Was mir abgesehen von den Zielen gut gefällt, ist der soziale Aspekt des Laufens. Ich nehme an vielen Parkruns teil und versuche, die Menschen dazu zu ermutigen, gemeinsam zu laufen. Ich glaube, dass wir daraus viel Kraft schöpfen können. Die Läufer bekommen soziale Kontakte, tun etwas gegen Einsamkeit, für ihre geistige und körperliche Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Sie fördern ihre Kommunikation, tun etwas für einen gesunden Schlaf, treffen neue Leute und entdecken neue Orte. Das ist doch toll!

Das scheint eine aktuelle Entwicklung im Laufsport zu sein. Es werden viele Gemeinschaften gebildet und es entstehen Gruppenprogramme für 5 km, 10 km oder Ultrarunning. Es entsteht eine Gemeinschaft und ich glaube, das wissen die Leute im Moment sehr zu schätzen.»

 

 

Womit wir die Brücke zum Anfang schlagen: Die Orbis Challenge ist ein tolles Beispiel für diesen Gemeinschaftsgeist...

 

«Absolut. In den beiden Jahren, in denen ich an der Orbis Challenge teilgenommen habe, ist jeder Teilnehmer mit jeder Herausforderung anders umgegangen. Einige sind Hügelläufer, die im bergigen Terrain gut zurechtkommen, aber wenn es wieder flacher wird, können andere Läufer glänzen. Was schön ist, ist, dass es nie in einen Wettkampf ausartet. Man kämpft nur gegen sich selbst. Jeder Läufer hat seine eigenen Ziele und man unterstützt sich gegenseitig, damit jeder etwas erreichen kann.» 

 

 

Wenn man sich die Bilder anschaut, entsteht der Eindruck, dass es eine emotionale Erfahrung war. Stimmt das? 

 

«Mit Sicherheit. Persönliche Erfolge sind mit vielen Emotionen verknüpft. Ausserdem weiss man, dass man Geld für das Land sammelt und das ist toll. Natürlich geht man auch in die Schulen, wo man die Kinder sieht und realisiert, wie wichtig es ist, Mangelernährung bei Kindern zu bekämpfen [das wohltätige Ziel der Orbis Challenge 2019]. Es ist überwältigend. In der Schule, die wir besucht haben, gab es Hunderte von Kindern und alle von ihnen schätzten es sehr, dass sie dort sein konnten – auch wenn es dort nur sehr wenig gibt. Sechs von zehn Klassenzimmern haben nicht einmal Tische oder Stühle. Alle sitzen auf dem Boden. Aber die Kindern lächeln die ganze Zeit. Bei einer so intensiven Erfahrung sind Worte in gewisser Weise bedeutungslos, denn man kann das nicht wirklich beschreiben.»


Du hast grosse Ziele für das Jahr 2020 angesprochen. Wird man dir auf anderen Trails begegnen? 

 

«Wer weiss?! Mir macht Trailrunning wirklich Spass, weil sich die Umgebung so stark von meinem normalen Laufumfeld unterscheidet. Aber auch dort wo ich lebe, kann ich die Strasse verlassen. Das gefällt mir, denn ich glaube, dass unterschiedliche Oberflächen das Verletzungsrisiko minimieren und gleichzeitig macht es wirklich Spass. Ich bin allerdings keine Geländeläuferin – Schlamm ist nichts für mich, haha!»

 

Du bist natürlich herzlich eingeladen, mit uns in den Schweizer Bergen zu laufen. Auch dort gibt es einige ziemlich harte Trails ...

 

«Wow, das wäre mal eine Herausforderung! Das muss ich auf meine Liste schreiben...»

 

Der Cloudventure Peak
Dame Kelly: «Diese Schuhe sind wirklich perfekt für mich. Ich liebe leichte Schuhe und trotzdem kann ich mich auf den Halt verlassen. Einige Trails in Malawi waren rutschig und ohne diese Schuhe hätte ich definitiv nicht so gut bergab laufen können.»
Zum Schuh

The 2020 Orbis Trail Running Challenge takes place October 3–10 and applications are now open. For full details, and to apply, visit orbis-challenge.com/running

 

Photography by Venetia Norrington.